Warum fühlt sich Großzügigkeit neuerdings wie Erpressung an?

Wir haben gerade eine der funktionierendsten Service-Kulturen der Welt kaputt gemacht.

Herzlichen Glückwunsch.

Neulich in einer Bäckerei.
Selbstbedienungstheke.
Brötchen ausgesucht. Selbst.
Eingepackt. Selbst.
An die Kasse gelegt. Selbst.

Das Terminal fragte: 12% Trinkgeld? Oder 15? Oder 25?
Wofür eigentlich?

Japan hatte es raus.
Keine Trinkgeldkultur. Null.
Service war gut, weil Service gut sein sollte. Punkt.

Omotenashi nennt sich das. Gastfreundschaft ohne Preisschild.

Bis die Touristen kamen.
Mit ihren Euros und Dollars und Gewohnheiten.
Sie lassen Geld liegen. Aus „Großzügigkeit“.

Die Angestellten sind verwirrt.
Manche Restaurants stellen „Tip Boxes“ auf.
Andere geben das Geld zurück.

Eine ganze Gesellschaft diskutiert plötzlich, ob sie ihre Würde gegen Münzen eintauschen soll.

Glückwunsch.
Wir exportieren jetzt Verwirrung.

Während ich vor dem Terminal stehe und die Schlange hinter mir länger wird, fällt mir auf: Bei uns ist es noch merkwürdiger. Aus einem Moment der Freundlichkeit wurde eine digitale Pflichtübung.

Dabei war Trinkgeld mal eine schöne Sache.
Ein Zwischenmenschliches.
Jetzt ist es ein Algorithmus, der unsere Scham zu Geld macht.

Das Ergebnis: Meistens 15 Prozent.
Für gar nichts.

Es wäre komisch, wenn es nicht so normal geworden wäre.

Wir haben ein System normalisiert, in dem Unternehmen keine fairen Löhne zahlen müssen, weil wir Kunden das schlechte Gewissen übernehmen.
Per Klick.
Unter Beobachtung.

Wir hätten von Japan lernen können.
Aber nein. Wir verwandeln Freundlichkeit in Klicks.

Das System weiß: Die „Kein Trinkgeld“ Taste, ganz klein, unten, die traust du dich nicht zu drücken. Nicht mit allen, die zuschauen.

Das Terminal wartet.
Ich drücke kein Trinkgeld.

Nicht aus Geiz. Aus Prinzip.

Ideen für
eine bessere
Zukunft

Michael Okada

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