Das Foto aus Japan

Neulich fand ich ein Foto.
Darauf zu sehen ist ein kleiner Mensch in der Ferne, vor dem Eingang zu einem Retreat in Japan.
Das soll ich sein.

Vor 16 Jahren war ich dort, auf der Suche nach Erleuchtung oder was auch immer ich dort zu finden dachte.
Gefunden habe ich es nicht.

Retreat ist ein schönes Wort.
Klingt nach Rückzug, nach Besinnung.
Ich erinnere mich aber eher daran, wie sehr ich die ganze Zeit gefroren habe und an Pizza und Hanuta gedacht habe.

Vor allem erinnere ich mich an die Selbstgewissheit, mit der ich damals aus Deutschland losflog, in der festen Überzeugung, dass ich nur weit genug reisen müsste und das Leben sich dann ganz von allein erklären würde.
Hat es nicht.

Auf der Website stand etwas von „innerer Reise“.
Meine ging bis zur Rezeption, wo ich nach einer Decke und einem Heizkörper fragte. Ich fand es beruhigend, dass ich nicht der Einzige war, der danach gefragt hatte. Der Nebenraum war voller Extradecken und zusätzlicher Radiatoren.

Dabei war die eigentliche Lektion für mich denkbar banal, und ich hätte sie mir, ehrlich gesagt, für deutlich weniger Geld besorgen können: Man kann seine Probleme nicht outsourcen.
Auch nicht an ein Zen-Kloster.

Wiederholen würde ich das Retreat nicht.
Obwohl es Momente gab, die mochte ich sogar.
Die gemeinsame Morgenzeremonie im Kloster, beispielsweise.
Etwas sehr Mystisches lag darin, etwas Erhebendes.

Für die „innere Reise“ von der Website hätte aber auch eine Postkarte mit der Aufschrift „Mach mal Pause“ gereicht.

Der junge Mann auf dem Foto wusste das alles noch nicht.
Er war überzeugt, das Problem würde in Japan zurückbleiben.
Er hatte ja noch nicht mal eingecheckt.

Ideen für
eine bessere
Zukunft

Michael Okada

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