Zu Berlin-Reinickendorf habe ich aus familiären Gründen eine ganz besondere Beziehung. Aber dass es dort seit 2024 eine hauptamtliche Einsamkeitsbeauftragte gibt, hat auch mich erstaunt.
Ich fragte mich sofort, wann der Beauftragte für schlechte Laune kommt.
In Berlin hätte er sicherlich viel zu tun.
Menschen vereinsamen und gleichzeitig boomt die Selbstverwirklichungsbranche. Purpose finden und natürlich sein Ikigai.
Ich war neulich in einer Buchhandlung.
Oder was davon übriggeblieben ist.
Zwischen den Geschenkartikeln waren tatsächlich auch ein paar Regale mit Büchern.
Bücher über Manifestieren, den Vagusnerv und den Weg zurück zu mir.
Für jede Gefühlslage das entsprechende Buch.
Auch für Einsamkeit.
Und wenn das nicht hilft, hat man halt das falsche Buch.
Japan wäre nicht Japan, wenn es dafür nicht schon längst einen Begriff gäbe: Das 80/50-Problem.
Eltern in den Achtzigern kümmern sich um ihre Kinder in den Fünfzigern, die sich seit Jahren weitgehend aus dem gesellschaftlichen Leben zurückgezogen haben.
Hikikomori werden sie genannt.
Im Jahr 2023 schätzte das japanische Cabinet Office ihre Zahl auf 1,46 Millionen. Wenn die Eltern sterben, bleibt ein vereinsamter Mensch zurück, der nun alleine zurechtkommen soll. Die Eltern waren seine letzte Verbindung zur Außenwelt.
Purpose wird ihn da nicht rausholen.
Menschen müssen sich umeinander kümmern.
Dafür gibt es keinen Beauftragten, so gern wir dem Staat auch alles übergeben.
Und während ich hier sitze und über meine nächste Ikigai-Keynote nachdenke, sitzt irgendwo einer, der sich nur wünscht, dass sich mal jemand erinnert, dass es ihn gibt.
Ruf an.
Es wird komisch.
Du wirst nicht wissen, was du sagen sollst, und er auch nicht.
Mach es trotzdem.