Berlin hat gewählt

Nach der ersten Hochrechnung habe ich mir ein YouTube-Video angesehen.
Im August haben knapp zweitausend Menschen in Hirosaki, Japan, einen rund 400 Tonnen schweren Burgturm an Seilen 2,22 Meter zurück in Richtung seines alten Platzes gezogen.

Man kommt nach einer Berliner Wahl offenbar auf seltsame Gedanken, aber ich war fasziniert.

In Berlin kommen keine zwei Parteien zusammen auf eine Mehrheit. Es müssen also mindestens drei an dasselbe Seil ziehen. Wir sagen dann gern mit viel Pathos: „Wir müssen jetzt alle an einem Strang ziehen“, ohne dass jemand fragt, in welche Richtung eigentlich.

In Hirosaki war die Richtung geklärt, bevor die erste Hand ans Seil kam.
Der Turm hatte einen festen Platz, und dorthin sollte er dann auch zurück, fertig.
Die Leute zogen einfach.

In Berlin hat ja jeder per Selbstdefinition sein eigenes Seil und selbstverständlich eine gute Begründung, in eine andere Richtung zu ziehen als alle anderen.

Ich sehe mir das Video wahrscheinlich noch mal an.
Dann habe ich wenigstens für ein paar Minuten das seltene Vergnügen, zu sehen, wie alle in dieselbe Richtung ziehen.

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Michael Okada

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