Die „Stadt der Liebe“

Die BVG, das landeseigene Berliner Verkehrsunternehmen, hat Berlin zur „echten Stadt der Liebe“ erklärt.

Das ist eine steile These, wenn man bedenkt, dass Paris mit dem Eiffelturm antritt und Berlin mit dem Schienenersatzverkehr.

Ein Vergleich, auf den man erst einmal kommen muss.

Die BVG hat jedenfalls eine Imagekampagne daraus gemacht.
Sie bewirbt darin kein neues Ticket und keine neue Verbindung.
Berlin wird so gezeigt, wie die Stadt sich selbst am liebsten sieht: etwas rau, im Grunde herzlich. Paris kann da natürlich nicht mithalten.

„Ditt iss Berlin, wa“, das Berliner Heilsversprechen.
Die Verspätung ist Charakterzug, die kaputte Rolltreppe Berliner Original.
Im günstigen Fall färbt die Sympathie für Berlin auf die BVG ab.

Daran musste ich denken, als ich am Fehrbelliner Platz mit meinem Koffer unten vor einer defekten Rolltreppe stand.
Ich versuchte, sie mit den Augen der Kampagne zu betrachten.
Sie blieb kaputt.

Während ich mein Gepäck die Treppe hinaufschleppte, dachte ich an Tokio. Das ist in dem Moment vielleicht nicht der naheliegendste Gedanke, aber wenn eine Rolltreppe stillsteht, hat man Zeit für Umwege, auch im Kopf.

Auch Tokyo Metro betreibt Imagekampagnen.
Vor allem aber sind mir die Benimmplakate in den Zügen und Stationen in meiner Erinnerung geblieben.
Telefon lautlos stellen.
Während der Fahrt nicht telefonieren.
Andere erst aussteigen lassen.

Die Botschaft ist simpel und eigentlich naheliegend: Ein öffentlicher Raum ist kein besonders guter Ort für Selbstverwirklichung.
Bei uns ist dieser Gedanke etwas aus der Mode gekommen.

Wer öffentlichen Raum mit anderen teilt, muss sich gelegentlich zurücknehmen. Schon beim Klingelton kann man damit anfangen.

Ich quälte mich mit meinem Koffer immer noch die Treppe hinauf.
Meine Zuneigung zur BVG hatte nicht messbar zugenommen.

Mein Telefon war allerdings lautlos.
Alte Gewohnheit. Aus Tokio.

Quelle: BVG-Kampagnenfilm „Die echte Stadt der Liebe“, 2026

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Michael Okada

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