Was du vermeidest, nimmst du mit

Ich habe Neujahr in Yokohama verbracht und dabei gelernt, dass ich ein schlechter Mensch bin.

Nicht im moralischen Sinne, hoffe ich.

Aber im Sinne von: einer, der Dinge vor sich herschiebt.
Die Japaner haben vor Neujahr ein Ritual namens Osoji. Große Reinigung.

Sie putzen nicht nur ihre Häuser, sie beenden Dinge.
Mein Freund fuhr zur Bank, um seinem Bruder 20 Euro zurückzuzahlen.
„Warum jetzt?“, fragte ich. „Weil nichts Altes ins neue Jahr kommen soll“, sagte er.

Als wäre das die selbstverständlichste Sache der Welt.

Ich bin jetzt wieder in Berlin und denke immer noch darüber nach. Nicht weil ich diese Tradition für eine besonders weise Idee halte. Ich weiß nicht, ob es das ist. Aber weil mir auffällt, wie viele Dinge ich mit mir herumtrage, ohne dass ich jemals beschlossen hätte, sie mitzunehmen.

Die Mail an einen Kunden seit vier Monaten.
Das Gespräch mit meiner Agentur, das ich vor mir herschiebe.
Die Schublade, in der Dinge liegen, die ich „später“ sortieren wollte.

Wir haben ja unsere eigenen Rituale. Neujahrsvorsätze.
Mehr Sport. Mehr Fokus. Mehr Disziplin. Mehr Achtsamkeit.

Aber niemand sagt: Ich werde endlich die Dinge beenden, die seit Monaten offen sind.

Vielleicht liegt es daran, dass wir gut im Begründen sind.
Warum es nicht so einfach geht und warum jetzt gerade nicht der richtige Zeitpunkt ist.

Die Japaner begründen nicht.
Sie machen. Das ist das Irritierende an Osoji: Es gibt keine Ausrede.

Entweder du beendest etwas oder du nimmst es mit.

Beides hat Konsequenzen.
Ich weiß nicht, welcher Ansatz besser ist.
Aber ich merke: Ich denke viel zu selten darüber nach, was ich eigentlich loslassen sollte.

Die Mail an den Kunden ist jetzt raus.
Nicht weil ich produktiver geworden bin. Sondern weil mir klar wurde: Vier Monate Aufschieben waren anstrengender als fünf Minuten Unbehagen.

Das Gespräch mit der Agentur steht noch aus.

Ideen für
eine bessere
Zukunft

Michael Okada

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