Ich begriff es erst, als ich die 10.000 Euro las.
Nicht das Gesetz überraschte mich. Dass wir es brauchen.
Seit Juli kostet ein Taschenmesser in der Berliner U-Bahn 10.000 Euro.
Nicht fürs Benutzen. Fürs Dabeihaben.
Wann genau ist eigentlich der Moment gekommen, an dem wir aufgehört haben, uns selbst zu vertrauen?
In Japan leben 125 Millionen Menschen.
Weniger Platz, mehr Druck, dieselben Spannungen des Alltags.
Trotzdem lassen Touristen ihre Laptops unbeaufsichtigt auf Café-Tischen liegen. Verlorene Portemonnaies kehren mitsamt Bargeld zurück. Auf TikTok gehen diese Videos viral, weil sie uns verblüffen.
Obwohl sie doch normal sein sollten.
Ein Wochenende im Juli 2025 in Berlin:
Drei Gewaltverbrechen in drei Stunden. Ein Toter. Eine Schießerei. Ein Tourist auf offener Straße angegriffen.
Ein Wochenende, das uns sprachlos macht, aber nicht überrascht.
„Andere Kultur“, höre ich oft.
Aber seit wann ist Kultur eine Entschuldigung?
Kultur ist das, was wir jeden Tag neu leben.
Wir verbieten Messer, weil wir Kontrolle wollen.
Japan vertraut darauf, dass Verantwortung selbstverständlich ist.
Es geht nicht um Gesetze. Es geht um Erwartungen.
In Japan erwartet man Rücksicht.
In Deutschland erwarten wir…
Was eigentlich?
Dass andere uns schaden könnten?
Dass Gesetze uns beschützen müssen?
Dass hohe Strafen Sicherheit garantieren?
Kultur entsteht nicht durch Gesetze, sondern durch das, was wir alltäglich leben.
Bewusst oder unbewusst.
Können wir wie Japan werden? Nein!
Aber wir können wählen, welche Kultur wir leben.
Verbieten wir Selbstverständlichkeiten?
Oder erschaffen wir sie?
Ich fahre selten U-Bahn.
Aber als ich vom neuen Gesetz hörte, fühlte ich mich nicht sicherer.
Nur trauriger.
Weil wir jetzt Dinge verbieten müssen, die einmal selbstverständlich waren.