Neulich habe ich in der Zeitung gelesen, dass wenige Querstraßen von meiner Wohnung entfernt auf ein Lokal geschossen wurde.
Niemand verletzt.
Aber plötzlich war es nah.
9,9 Schusswaffenfälle pro 100.000 Einwohner.
Berlin, Spitzenreiter in Deutschland.
Fast jeden Tag Schüsse.
Ich kannte die Zahlen.
Aber Zahlen sind abstrakt, bis es in der eigenen Nachbarschaft passiert.
Dann erinnerte ich mich noch an eine andere Zahl.
184.100.
So viele Yakuza-Mitglieder zählte Japan 1963.
Büros in den Innenstädten, eigene Hierarchien, Schutzgeld als Geschäftsmodell. Eine Parallelwelt, so sichtbar, dass sie irgendwann nicht mehr auffiel.
Ende 2024: 18.800. Minus 90 Prozent.
Was war geschehen?
Japan hat nicht eines Tages zugeschlagen.
Es hat über Jahrzehnte, still und beharrlich, organisierter Kriminalität den Zugang zum normalen Leben entzogen.
Seit den frühen 1990ern schuf Japan Gesetze, die organisierte Kriminalität systematisch austrockneten.
Ab 2011 verpflichteten Verordnungen Banken, Vermieter und Unternehmen, jede Verbindung zu kappen.
Wer als Yakuza galt, verlor den Zugang zum legalen Leben: vom Bankkonto bis zum Mietvertrag.
Ich weiß. Japan ist nicht Deutschland, und Yakuza sind keine Clans.
Kriminalität verschwindet auch in Japan nicht.
Sie verlagert sich, sie digitalisiert sich.
Kriminalität stirbt nicht, sie mutiert.
Aber der Kern bleibt:
Organisierte Kriminalität schrumpft nicht durch Polizeiarbeit allein.
Sie schrumpft, wenn eine Gesellschaft sich einig ist, dass es keinen Platz mehr für sie gibt.
Wenn man will.